Interview mit Dr. Jens Müller, globaler Leiter Forschung & Entwicklung bei ASK Chemicals GmbH

Nachhaltigkeit ist mehr als (nur) umweltfreundlich

Im Interview spricht sich Dr. Jens Müller, Global Head of Research & Development bei der ASK Chemicals GmbH, für ganzheitliches nachhaltiges Handeln aus. Denn seiner Meinung nach geht nachhaltiges unternehmerisches Handeln über den reinen Umweltaspekt hinaus. Auf der bevorstehenden GIFA, der Weltleitmesse für Gießereitechnik vom 25. bis 29. Juni 2019 in Düsseldorf, zeigt ASK Chemicals Flagge.

CO2-Einsparungen oder im Idealfall CO2-Neutralität werden immer stärker eingefordert. Wie geht ASK Chemicals damit um?

in Ansatz ist sicherlich, Produkte auf Basis nachwachsender Rohstoffe herzustellen. Dies ist aber nur ein Aspekt in der Produktentwicklung und kann nicht die alleinige Triebkraft sein. Wir müssen über den gesamten Lebenszyklus der Produkte denken und daher insbesondere auch die Herstellverfahren der Rohstoffe und das Leistungsprofil der Endprodukte berücksichtigen. CO2-Einsparung zu Lasten der Effizienz wird schnell zur Milchmädchenrechnung: Es müsste beispielsweise mehr Material und Energie eingesetzt werden, um denselben Effekt zu erzielen. Dies wiederum widerspricht dem Nachhaltigkeitsgedanken. Daher fokussieren wir uns in erster Linie darauf, die Wirkkraft unserer Produkte zu erhöhen und so einen Mehrwert für unsere Kunden zu erzielen. Ein Beispiel ist die Reduktion des Materialeinsatzes, womit die Summe potentieller Emittenten verringert wird. Wenn wir mit unseren Produkten die Effizienz einer Gießerei, z.B. durch geringeren Ausschuss, verbessern können, dann ergibt sich daraus ein relevanter Hebel für die Reduktion von CO2-Emissionen durch Energieeinsparung. Denn bei der Gesamtbilanzierung des Treibhausgaspotentials (GWP) einer Gießerei ist der direkte Einfluss von z.B. Bindemitteln als eher gering zu beurteilen, da diese im Vergleich zu anderen Einsatzstoffen in vergleichsweise geringen Mengen eingesetzt werden und weiter hinter den Emissionen durch Energieverbrauch stehen.

Und wie groß ist das Bewusstsein für nachhaltige Produkte bei Ihren Kunden?

Das Bewusstsein ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass sich die Rahmenbedingungen - vor allem in Westeuropa - durch entsprechende Regularien verschärft haben. Kein Wunder, dass viele unserer neuen nachhaltigen Produkte ihren Ursprung in Europa, insbesondere Deutschland, haben. Das Schöne ist, dass sich die Wertschätzung nachhaltiger Produkte aber nicht mehr nur auf Europa beschränkt, sondern dass z.B. auch Länder in Ostasien (wie China) – ebenfalls getrieben von verschärften Regularien – bereit sind, in innovative neue Prozesse und nachhaltige Produkte zu investieren.

Sind nachhaltige Produkte also ein Wettbewerbsvorteil?

Für Gießereien definitiv! Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Innovative und damit auch zumeist nachhaltigere Produkte sichern langfristig die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens. „Kümmern Sie sich in guten Zeiten um Innovationen, dann bleiben Ihnen schlechte Zeiten erspart!“, dieser Spruch trifft es, denke ich, ziemlich gut.

Was sind die wichtigsten Ansatzpunkte, um Ihre Hilfsmittel und Chemikalien umweltfreundlicher/nachhaltiger zu gestalten?

Hier gibt es mehrere Ansatzpunkte. Soweit möglich reduzieren wir den Einsatz giftiger oder gefährlicher Substanzen. Außerdem arbeiten wir an der Substitution gefährlicher Substanzen durch umweltverträglichere Stoffe. Und natürlich die bereits erwähnte Erhöhung der Effizienz der Hilfsmittel, also eine Verbesserung des Wirkungsgrades, sodass mit einem geringeren Ressourcen- bzw. Materialeinsatz gearbeitet werden kann. Ein neuer, weiterer Schwerpunkt unserer F&E-Tätigkeit ist die gezielte Minderung von Emissionen, was wir bei einigen unserer neuen Produkte bereits erfolgreich umgesetzt haben. Insbesondere geht es hier um VOC, BTX, Phenol und Formaldehyd.

Welche Ihrer nachhaltigen Technologien sind besonders hervorzuheben?

An erster Stelle sind wohl unsere anorganischen Bindemittel zu nennen. Die Inotec-Technologie ist mittlerweile seit zwölf Jahren im Einsatz. Am Anfang hat keiner wirklich geglaubt, dass sie herkömmliche Prozesse ablösen würde. Eine Dekade später muss jedoch festgestellt werden, dass viele neue Gießkonzepte ohne dieses anorganische Bindemittel nicht umsetzbar gewesen wären. Zu dem ursprünglichen reinen Umweltaspekt sind zahlreiche weitere Vorteile technologischer und wirtschaftlicher Art sichtbar geworden – das macht sie zu einer festen Größe im Leichtmetallkokillenguss. Potenzial besteht auch im Eisenguss, allerdings ist die Umsetzung noch mit Limitierungen verbunden.

Für den Eisenguss haben wir mit Ecocure Blue das weltweit erste Phenolharz für den Cold Box-Prozess entwickelt, welches kennzeichnungsfrei ist (gemäß CLP, europäische Chemikalienverordnung). Es gilt also nicht mehr als Gefahrgut. Hier zeigen sich ebenfalls neben den Umweltvorteilen anwendungstechnische Vorzüge, wie eine besonders hohe Reaktivität, die es ermöglicht, Binder zu reduzieren und Katalysatormengen abzusenken.

Abschließend würde ich noch die Wasserschlichten aufführen. Sie sind im Grunde mittlerweile Stand der Technik in vielen Automotive-Gießereien. Allerdings ist Wasserschlichte nicht gleich Wasserschlichte. Wasser ist nur die Trägerflüssigkeit für die Vielzahl an Einzelkomponenten, die eine Schlichte ausmachen. Es ist vor allem die Prise Salz und Pfeffer, die letztlich über Nacharbeit oder Ausschuss beim Kunden entscheidet. Hier haben wir mit den Miratec TS-Schlichten einen entscheidenden Schritt gemacht, um die industriellen Anforderungen hinsichtlich der Sauberkeit von Motorengussteilen – Thema Restschmutz – zu erfüllen. Selbst im Großguss, wo der Einsatz von Alkoholschlichten seit langem Stand der Technik ist, hält die Wasserschlichtentechnologie Einzug. Gießereien entscheiden sich aus Arbeitsschutz- und Umweltaspekten für den Umstieg und können dabei Energie- sowie Lagerkosten (Ex-geschützte Bereiche) sparen.

Wo werden Ihrer Meinung nach in der Gießereiindustrie Potenziale im Hinblick auf Nachhaltigkeit nicht ausgeschöpft?

Ich denke, dass in den Unternehmen bereits viel passiert, aber sicherlich leidet die Priorisierung nachhaltiger Themen immer noch zu sehr an der direkten Verknüpfung des Wortes „Nachhaltigkeit“ mit dem Umweltaspekt: nachhaltig = (nur) umweltfreundlich. Dabei beruht der Nachhaltigkeitsgedanke im Grunde auf drei Säulen – der ökologischen, der ökonomischen und der sozialen. Die letzten beiden werden gerne mal vergessen, wenn es darum geht, Projekte zu bewerten. Insbesondere wenn ein gewisser Kostendruck wie ein Damoklesschwert über einem hängt. Dabei können nachhaltige Produkte einen sehr viel höheren Beitrag leisten, als man ihnen zunächst zugestehen mag. Wer einmal in einer Gießerei war, die von Organik auf Anorganik umgestellt wurde und sieht, wie sich das Arbeits- und Technologieumfeld für die Mitarbeiter verändert hat, wird wissen, was ich meine.

Betrachtet man den Aspekt der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit, so geht es um die Steigerung des ökonomischen Erfolgs bei mindestens gleichzeitiger Aufrechterhaltung (Qualität und Verfügbarkeit) der Ressourcen. Auch hier kann die Zulieferindustrie einen Beitrag leisten, indem sie Lösungen entwickelt, die knappe oder teure Rohstoffe, bei gleicher oder höherer Leistungsfähigkeit, substituiert.

Abgesehen von den Produkten für Ihre Kunden: Wo agiert ASK Chemicals nachhaltig?

Selbstverständlich bietet ASK Chemicals nicht nur seinen Kunden Lösungen, die Nachhaltigkeit fördern, sondern agiert auch selbst in diesem Sinne. So fördert unser Unternehmen die Entwicklung von fähigen, engagierten und verantwortungsbewussten Menschen. Mit unserem weltweit implementierten „Code of conduct“ verpflichten wir uns zu ehrlichem und ethischem Handeln und zeigen null Toleranz gegenüber unethischem oder unangemessenem Verhalten. Schließlich sind Arbeitssicherheit und die Gesundheit unserer Mitarbeiter und der Mitarbeiter unserer Kunden und Lieferanten, aber auch weiterer Stakeholder, für ASK Chemicals von höchster Wichtigkeit.

Auch das Thema der Ressourceneffizienz entlang der gesamten Wertschöpfungskette haben wir im Blick. Beispielsweise verbessern wir die Effizienz durch Einsparung und Recycling von Wasser oder Energie beim Betrieb unserer Produktionsanlagen. Letztendlich zielt unser Geschäftsmodell darauf ab, nachhaltig Gewinne durch innovative Produkte, operative Exzellenz und geringere Umweltbelastung zu liefern. Hierbei folgen wir global den gleichen Standards und machen keine Abstriche in Regionen mit geringeren Anforderungen an Arbeitsschutz und Produktsicherheit.